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14/06/2022 Répertoire des acteurs du marché de l'art en France sous l'Occupation, 1940-1945, RAMA (FR)

Germain Bazin war ein französischer Kunsthistoriker und Museumskonservator, der sich während des Zweiten Weltkriegs insbesondere für die Evakuierung und den Schutz der Sammlungen der französischen Nationalmuseen eingesetzt hat. Seine Tätigkeit in dieser Zeit erfolgte in enger Zusammenarbeit mit René Huyghe, ebenfalls Konservator am Louvre.

Kunsthistoriker und Konservator am Louvre

Germain René Michel Bazin kommt am 24. September 1901 in der Pariser Vorstadt Suresnes, im Departement Hauts-de-Seine zur Welt. Seine Eltern waren Jeanne-Laurence Mounier-Pouthöt (1867-1907) und Charles Marie Désiré Bazin (1862- ?), der nach dem Abschluss der Ingenieurschule École Centrale des Arts et Manufactures Schmiedemeister wurde. Mütterlicherseits ist Germain Bazin ein Nachkomme des königlichen Gebäudeverwalters Baron Édouard Mounier, und er setzt die Familientradition fort, denn seine Schulausbildung macht er an der École Sainte-Croix in Neuilly, am Gymnasium in Rochefort und am Gynmasium Sainte-Croix in Orléans.1 Nach einem Juradiplom promoviert er in den Geisteswissenschaften und absolviert am Ende die École du Louvre. Um 1930 beginnt er als Redakteur im Ministère de l’Instruction publique [Unterrichtsministerium]2 zu arbeiten, wird 1934 zum Professor an der Brüsseler Universität ernannt, verlässt jedoch bald die akademischen Kreise und beginnt zwei Jahre später seine Karriere im Louvre. 1937 wird er nämlich zum Assistenzkonservator des Direktors der Gemäldeabteilung, René Huyghe, ernannt, der ihm die Aufsicht der Restaurierungswerkstatt überantwortet. Im Zuge dieser Aufgabe muss sich Germain Bazin mit der Geschichte jeden Werkes befassen, um eine bessere Restaurierung zu gewährleisten und richtet daher eine Dokumentationsdienststelle für die Gemäldeabteilung ein.

Im Sommer 1939 nimmt der Assistenzkonservator an den Evakuierungsvorbereitungen für Werke aus den  französischen Nationalmuseen ins Schloss Chambord teil. Seine Einberufung unterbricht jedoch bald seinen Auftrag im Louvre: Im August kommt er  als Oberleutnant in das zur Verteidigung der Befestigungsanlagen südlich von Straßburg, im Departement Bas-Rhin, stationierten 34. Infanterieregiment. In der Armee trifft er einige seiner Kollegen aus den Museen, wie den Konservator André Chamson (1900-1983) oder den zum Hauptmann beförderten Bildhauer Georges Saupique3 (1889-1961). Zwar kann Oberleutnant Bazin aufgrund seiner militärischen Stellung sich nicht mehr um die Kunstwerke kümmern, paradoxerweise scheint ihm diese Situation angesichts der Spannungen innerhalb der Gemäldeabteilung jedoch besser zu gefallen. Im März 1940 schreibt er nämlich an René Huyghe:

„Bei jedem Treffen erzählen wir uns alle gegenseitig, wie froh wir sind, in diesen Kriegszeiten dem bürgerlichen Leben zu entkommen. Bald werden Sie an die Reihe kommen. Ich kann mir gut vorstellen, wie erleichtert Sie sein werden! Wenn ich bloß daran denke, womöglich den Schlösser-Krieg wieder führen zu müssen, blase ich Trübsal. Alles, nur das nicht! Ich begebe mich lieber unter Maschinengewehrdonner auf ein Schlachtfeld als vor einen d‘Aillerez oder Édouard Michel!“4

Im April befindet sich der zum Hauptmann avancierte Oberleutnant Bazin wegen einer beim Training zugezogenen Knieverletzung im Pariser Hôpital américain [Amerikanisches Krankenhaus].5 Schließlich wird er aus der Armee entlassen und er übernimmt die Verantwortung für das im Schloss von Sourches im Departement Sarthe untergebrachte Gemäldedepot mit den großformatigen Werken, die nicht weiter südlich als bis zur Loire evakuiert werden konnten.

Bazins Antisemitismus

Germain Bazin und René Huyghe haben sich in der École du Louvre auf de Schulbank kennengelernt. Die große Freundschaft zwischen den beiden Männern kommt in ihrer umfangreichen, ab den 1920er Jahren geführten Korrespondenz zum Ausdruck. Diese vermittelt insbesondere einen guten Eindruck von der alltäglichen Arbeit in den Depots der französischen Nationalmuseen während der Besatzungszeit. Für den Historiker stellt sie eine wertvolle Quelle dar, durch die er auf vertraulicher Basis etwas über den öffentlichen und privaten Alltag der beiden Konservatoren erfährt. Die zahlreichen Briefe, die René Huyghe und Germain Bazin einander schreiben, bringen auch den Antisemitismus des Letzteren zum Vorschein, der schon vor dem Krieg durch die täglichen Nachrichten sickert. Im Jahre 1937 schreibt Bazin: „[Ich] habe [Albert] Henraux1 getroffen, der mir richtiggehend ‘restauriert‘ schien, was mich höchst erfreute, da er wirklich sehr sympathisch… und kein Jude ist!“2 Der Kunsthistoriker scheint im Übrigen kein Hehl aus seinen Ideen zu machen, die er als Professor im Rahmen seiner Vorträge in Brüssel zum Besten gibt:

„Ach mein lieber Freund, wenn ich nur daran denke, welch deutschenfeindliche Äußerungen3 ich bei meinen Vergleichen zwischen deutscher und französischer Kunst an der ULB [Freie Universität Brüssel] gewagt habe, und das trotz „Willensfreiheit“ und „Neutralität“ und so weiter und so fort, bedauern tu ich das auf keinen Fall! Wenn ich nur daran denke, wie da die geflüchteten „youtres“ [pejorativ für Juden]4 mein Seminar im Laufschritt verlassen und hinter sich die Tür zugeschlagen haben!“5

Gegenüber Georges Huisman (1889-1957), der sofort nach dem deutsch-französischen Waffenstillstand als Jude von seinem Posten als Direktor des Museums der Bildenden Künste entlassen wurde, hegt Germain Bazin eine ganz besondere Feindseligkeit, die sich in sehr antisemitischen Attacken äußerte:6

„Sie sind sicherlich auf dem Laufenden, dass Huisman und Julien Cain7 geflüchtet sind und ihres Amtes enthoben wurden. Hier wird eine Sau gemästet und ich verlangte, ihr den Namen Huisman zu geben. Es brauchte Frankreichs Niederlage, um diese Brut loszuwerden, oder man musste ausplaudern lassen, dass ein paar große „youtres“ [pejorativ für Juden] einen Fluchtplan nach Amerika geschmiedet haben, wo sie es sich gut gehen lassen wollen. Huisman erwartet dort angeblich eine brillante Stellung.8 Man weiß eigentlich schon gar nicht mehr, ‘welchem Feind‘ man den Sieg wünschen sollte. Würden nämlich unsere Verbündeten von gestern siegen, so brächten sie uns doch womöglich glatt stolz und triumphierend das ganze geflüchtete Judenpack wieder zurück. Und ließen auch noch diejenigen zu Verrätern erklären, die treu auf ihrem Posten geblieben sind.“9

Dass Bazin Huisman derart geringschätzt, ist wohl zumindest teilweise auf Konflikte auf beruflicher Ebene zurückzuführen.10 Doch er unterfüttert seine Vorwürfe mit abgedroschenen antisemitischen Redensarten, und sie dienen sogar als Vorwand, um diese Klischees neu aufzutischen: Huisman sei der Archetyp des stolzen, herrschsüchtigen und feigen Juden, der angesichts des nahenden Krieges seinen Verantwortungen nicht nachkommt, wogegen seine Kollegen ihre Pflicht erfüllen. Zu der Erniedrigung des Juden, der einem Tier gleichgestellt wird, indem ein Schwein nach ihm benannt wird, kommen die offenbar auf Gerüchten basierenden, verklausulierten Bezichtigungen des Verrats.11 Abgesehen von allgemeinen antisemitischen Äußerungen über „Judenschweine“ (youtres) und „Judenpack“ (youtrerie) generiert Bazins Antisemitismus auch seine persönlichen, gegen Huisman geführten Attacken, dessen Unrecht wohl darin bestehe, Jude zu sein.

Dieser heftige Antisemitismus wirft die Frage auf, welche Beziehungen der Konservator zu den anderen jüdischen Persönlichkeiten aus künstlerischen Kreisen unterhält, denen vor 1940 hohe Beamte, Mäzene und wichtige Sammler angehören – von denen so manche während des Krieges ihre Werke den französischen Nationalmuseen anvertraut haben. Im Übrigen gilt diese Frage auch in Bezug auf seinen Korrespondenten, von dem Bazin wohl annimmt, dass er mit ihm einer Meinung sei,12 wie aus einem anderen Schreiben an ihn hervorgeht:

„Erzählen Sie doch mal ein bisschen, wie das so ist, wenn es vor Judensäuen nur so wimmelt. Es wäre mir ein Trost, bei der Armee zu sein, um dort dem großen Saubermachen beiwohnen zu können. Sie bringen sich schon gut [in Stellung?], um uns bei der Rückkehr unter ihrer Herrschaft zu haben, diese... Auch sie halten durch… Nein, wirklich, ich frage mich oft, ob ich bei der Rückkehr den Mut haben werde, den anderen Krieg auf bürgerlicher Ebene weiterzuführen, um Frankreich aus dem Inneren zu verteidigen, oder ob ich nicht doch desertiere. Übrigens glaube ich, dass mir das frühere Leben unerträglich sein wird, weil mir hier die dazu nötige „Flexibilität“ verloren geht, um mich mitten unter dem, in diesem landesweiten Pfuhl dahinsiechenden Judengesindel voller skrupelloser Politiker durchzuschlagen. Ich werde mich draufstürzen, und wenn ich das erste Mal nach monate- oder jahrelangem Entzug den Kopf einer Judensau vor mir haben werde, werde ich mich nicht mehr zurückhalten können. […] Ach, jetzt mache ich ja fast einen auf Céline, wie ein Schüler… wer aber glaubt, dass wir alle mit diesen J… solidarisch sind, wenn wir ‘für persönliches Recht und Freiheit kämpfen‘, der wird ja des Kriegführens überdrüssig.“13

Die Erwerbungen des Louvre

Germain Bazin verfolgt im Laufe des Krieges mit großem Interesse, was auf dem Kunstmarkt vor sich geht. Im März 1942 schreibt er an Huyghe: „[Im April] tut sich nichts im Verkaufsgeschäft. […] Im Auktionshaus [Drouot] habe ich zu einem Spottpreis ein sehr seltsames, signiertes Familienporträt von J.B. Van Loo erstanden, datiert London 1740. […] Habe vom Chef Komplimente für die Ankäufe der Gemäldeabteilung bekommen.“1 Wohl angesichts der auf dem Kunstmarkt existierenden Erwerbsmöglichkeiten für die französischen Nationalmuseen schreibt er außerdem noch: „Wegen Henraux haben wir einen Georges de La Tour verpasst. Sie werden noch erfahren, dass ich einen herrlichen Pietro Longhi in die Höhe getrieben habe…, von diesem Maler gibt es nur wenige (rund 120) bekannte Gemälde, der von einem deutschen Mittelsmann für 600.000 F gekauft wurde (wir hatten nur 400.000!).“ Mit den „regulären“ Ankäufen stehen die Nationalmuseen manchmal in direkter Konkurrenz zu den Deutschen, deren Kaufkraft [aufgrund der Geldpolitik der Besatzer] künstlich aufgebläht ist.2 Im Oktober desselben Jahres begibt sich Bazin zudem an die Côte d’Azur, „um sich nach dem Verbleib der Sammlung des kürzlich verstorbenen Kunsthändlers Jos Hessel [1859-1942]3 zu erkundigen“ – die teilweise beschlagnahmt wurde.4 Genau wie sein Abteilungsleiter5 beobachtet der Konservator mit aufmerksamem Auge die Entwicklungen im Kunstbereich. Mit seiner 1942 veröffentlichten Corot-Monografie scheint er sich übrigens der Kritik gewisser, auf dem Kunstmarkt tätiger Gutachter ausgesetzt zu haben. Im Februar 1943 schreibt er:

„Diéterle6 steht in Schoellers7 Gunst und fährt schweres Geschütz gegen meinen Corot auf.8 Er behauptet, ich hätte Fälschungen darin abgebildet, d.h. die Vue de Villeneuve [~ Ansicht von Villeneuve] aus Reims,9 das Château Thierry [~ Schloss Thierry] von Schmidt in München (diese Perle der Ausstellung 1936) […] Sie verstehen schon, was mit Fälschung gemeint ist!“10

Allerdings sind die Beziehungen, die Bazin zu den Persönlichkeiten des Kunstmarkts unterhält, bis heute kaum erforscht.

Im selben Jahr steht das im Louvre aufbewahrte Gemälde Diane au bain [~ Diana im Bade] von François Boucher (1742) im Mittelpunkt von Verhandlungen zwischen dem Vichy-Regime und hohen nationalsozialistischen Würdenträgern. Jacques Jaujard (1895-1967), René Huyghe und Germain Bazin setzen allerhand Verzögerungstaktiken und bürokratische Spitzfindigkeiten ein, um diesen Export nach Deutschland zu verhindern. Kurze Zeit danach einigt man sich allerdings auf das Prinzip eines Tauschgeschäftes und René Huyghe wird nach Carinhall eingeladen, um im Gegenzug ein Gemälde auszuwählen. Als er absagt, wird die Einladung an Germain Bazin weitergereicht, der wiederum eine dringende Blinddarmoperation vorgibt.11 Da auf französischer Seite keine verantwortliche Person nach Berlin geschickt werden kann, gerät der Austausch unweigerlich ins Stocken, doch bald werden die Konservatoren des Louvre schon von einer anderen Angelegenheit in Anspruch genommen.

Im Mai 1943 informiert Bazin nämlich Huyghe darüber, dass sich eine „düstere Sache zusammenbraut“, die „für uns möglicherweise von großem Vorteil ist, doch nur unter höchster Vorsicht“12 - mehr sagt er nicht dazu. Germain Bazin verweist dabei wahrscheinlich auf die Beschlagnahmung der angesehenen Sammlung Adolphe Schloss, die am 16. April im Schloss  Chambon im Departement Corrèze stattgefunden hatte. Die ohnehin schon große Anzahl der am künftigen Verbleib der Werke interessierten Mittelsmänner und Akteure ist jetzt doppelt so groß, weil sich mit dem Raub der Sammlung der französische Statt und der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR), insbesondere also Hermann Görings (1893-1946) Handlanger Bruno Lohse (1911-2007), der das Unternehmen in Gang gebracht hat, direkt gegenüberstehen. Angesichts des hohen künstlerischen und finanziellen Wertes der Sammlung13 interessieren sich umgehend die höchsten Kreise für diese Angelegenheit. So beginnen Verhandlungen zwischen Franzosen und Deutschen: Es wird beschlossen, die Sammlung nach einem von René Huyghe und Germain Bazin erstellten Gutachten an Deutschland zu „verkaufen“.14 Letzterer notiert Folgendes:

„Da die Sammlung Frankreich verlassen sollte, berief man sich auf das Vorkaufsrecht des französischen Staates [État Français] und am 10. August 1943 befand sich die Sammlung verkaufsbereit, bereits teilweise aufgeteilt, im Tresor der Pariser Bank Louis-Dreyfus.15 […] René Huyghe musste aus dem Süden zurückkehren und kam mit mir mit, um die Auswahl zu treffen. Die Begutachtung der Gemälde fand im Tresorraum in Anwesenheit von Darquier de Pellepoix statt.“16

Rose Valland gibt an, dass Bruno Lohse, Erhard Goepel (1906-1966), Helmut von Hummel (1910-2012), Rudolf Schleier (1899-1959) sowie Abel Bonnard (1883-1968) höchstpersönlich17 bei diesem Gutachten teilnehmen. Germain Bazin beschreibt im Nachhinein die Idee des Vorkaufs als eine Art Widerstand gegen die deutschen Begehrlichkeiten:

„Wir, René Huyghe und ich selbst, gingen also daran, unsere Wahl unter den 282 von den Deutschen für ihre Museen gewünschten Gemälde zu treffen und ergötzten uns an ihrem Verdruss; wir zogen unser Vergnügen in die Länge, gingen unsere Listen immer wieder von neuem durch, baten darum, die Gemälde noch ein weiteres Mal zu sehen, täuschten Rechnereien vor und einigten uns letztendlich auf 49 Werke.“18

Die deutsche Botschaft kauft die restlichen 252 Werke. An dieser Stelle sei nochmals darauf hingewiesen, dass Bazin manchmal dazu neigt, die Vorgänge aus seiner Erinnerung heraus etwas verschönernd zu beschreiben. Zwar hat der von den Museen ausgeübte sogenannte „Widerstand“ tatsächlich zur Folge, dass bestimmte Werke nicht nach Deutschland gelangen, so wird deren Aufnahme in die staatlichen Sammlungen Frankreichs von allen als Anreicherung des öffentlichen Kulturgutes betrachtet:19 Rückerstattung kommt nicht in Frage; diese Perspektive wird erst nach dem Krieg ins Auge gefasst und geht wahrscheinlich auf Jacques Jaujards Willen zurück. Im Jahre 1943 wird das „Vorkaufsrecht“ also zugunsten der Museen ausgeübt.

Die Beziehungen zum ERR

Anfang November 1943 begab sich Alfred Rosenberg ins Jeu de Paume-Museum, wo die Mitglieder des ERR einen Teil der Sammlung Schloss zusammen mit jener von David David-Weill ausstellten. Emmanuelle Polacks Angaben entsprechend soll Rosenberg im Übrigen bei diesem Anlass die Bekanntschaft von René Huyghe, Germain Bazin und Rose Valland gemacht haben. Einer offiziellen Fotografie des ERR entsprechend sollen letztere zum Empfangskomitee des deutschen Reichsideologen gezählt haben:1 Bei Polack heißt es: „Das 1961 als Illustration in der Zeitschrift Le Front de l’Art veröffentlichte Foto wurde beschnitten und der französische Beamte mit dem Hitlergruß unkenntlich gemacht. Dank dieser Verschleierung ging Germain Bazin in die Nachwelt ein, und zwar in allen Ehren, ohne sich für diese Geste verantworten zu müssen.“2

Die in den Archiven geborgenen Informationen scheinen jedoch die Hypothese zu widerlegen, dass die Konservatoren bei Rosenbergs Besuch anwesend waren.3 Mehrere Elemente deuten darauf hin, dass es sich bei den beiden auf der Fotografie zu sehenden Männern nicht um Huyghe und Bazin  und bei der Frau mit dem abgeschnittenen Rock vermutlich nicht um Rose Valland handelt. Einerseits ist der Mann auf den Fotos bartlos, wohingegen Germain Bazin bis 1944 einen Schnurrbart trägt.4 Andererseits fand Alfred Rosenbergs Besuch am 4. November um 16:30 Uhr statt.5 Der Konservator befand sich aber zum selben Zeitpunkt beim Comité consultatif des musées nationaux [Beratungsausschuss der französischen Nationalmuseen],6 das um 14:30 Uhr stattfand. Wie aus dem Sitzungsprotokoll hervorgeht, trug er seinen Beitrag gegen Ende der Versammlung vor, die dem langen Protokoll entsprechend mehrere Stunden gedauert haben muss.7 Angesichts dieser Tatsache ist es sehr unwahrscheinlich, dass er zur selben Zeit im Jeu de Paume anwesend war. Der Mann mit dem Hitlergruß neben Bruno Lohse könnte der Obereinsatzführer Walter Fleischer gewesen sein, Mitglied des ERR, dessen Porträt von im Studio des ERR aufgenommenen Fotografien bekannt ist.8

Abgesehen von der Tatsache, dass Rose Valland in ihren Aufzeichnungen zu diesem Besuch an jenem Tag die beiden Konservatoren nicht nennt, wurden auch mehrere andere, für die Erstausgabe des Front de l’Art (1961) verwendete Fotografien an einer oder zwei Seiten beschnitten, manchmal sogar zur Hälfte, wohl um sie beim Druck dem Layout anzupassen.9 Angenommen, Rose Valland wollte verschleiern, dass sich die Konservatoren bei Alfred Rosenbergs Besuch „bloßgestellt“ haben, so kann man sich zurecht die Frage stellen, warum sie dann die Fotografie veröffentlicht haben sollte, wenn tatsächlich René Huyghe Alfred Rosenberg empfangen hätte: auch ohne Hitlergruß wäre es wohl peinlich gewesen, den Chefkonservator der Gemäldeabteilung in einer unterwürfigen Haltung vor einem führenden Nationalsozialisten zu zeigen. Dass Huyghe – mit dem der Mann, der Rosenberg begrüßt, von diesem Blickwinkel aus gesehen und aufgrund des kaum sichtbaren Gesichts nicht eindeutig identifiziert werden kann – und auch Rose Valland anwesend waren, scheint aus mehreren Gründen unwahrscheinlich.10 Es ist also nicht anzunehmen, dass der Konservator und sein Vorgesetzter sowie Rose Valland bei Alfred Rosenbergs Ankunft im Jeu de Paume anwesend waren.

Bei der Libération wiederaufgenommene und weitergeführte Tätigkeiten

Der Krieg hindert Bazin nicht daran, seine verlegerische und pädagogische Tätigkeit fortzusetzen: Aufgrund der Seminare und Prüfungen an der École du Louvre kommt er regelmäßig nach Paris, wohingegen die Abgeschiedenheit der in den Schlössern eingerichteten Depots ihm ausreichend Zeit für Forschung und Vorbereitung weiterer Publikationen bietet. Auch seine Vortragstätigkeit setzt er fort, sogar im Ausland, wie zum Beispiel mit der Vortragsreihe in der Schweiz Ende des Jahres 1942. Als nach der Befreiung Frankreichs das kulturelle Leben neu erwacht, bietet sich dem Kunsthistoriker die Gelegenheit, dem Redaktionskomitee der von Georges Wildenstein geleiteten Zeitschrift Arts1 beizutreten. René Huyghe überantwortet ihm zudem die Leitung der Zeitschrift L’Amour de l’Art2, die er von 1947 bis 1952 innehat.

Bazin, der 1944 zum Gutachter der Commission de récupération artistique [Kommission für die Wiedererlangung von Kunstbesitz] ernannt wird, scheint sich allerdings nicht aktiv an den Nachforschungen zu beteiligen, um die beschlagnahmten Vermögenswerte wiederzufinden. Als er 1949 René Huyghe auf den Verkauf beschlagnahmter und rückgeführter Werke aus der Sammlung Schloss aufmerksam macht, denkt der Konservator vor allem an die Anreicherung der staatlichen Sammlungen:

„Haben Sie in Art[s] gesehen, dass die Slg. Schloss im Mai an die Galerie Charpentier verkauft werden soll. Dass dieses Ereignis stattfindet, ist kapital für uns, glauben Sie nicht, dass wir alle unsere Ankäufe, Delacroix ausgenommen, auf Eis legen sollten, um unsere Holländer-Galerie mit unabdingbaren Stücken zu vervollständigen?“3

Anlässlich dieser zwischen 1949 und 1954 erfolgten Kaufaktionen spenden die Erben der Sammlung dem Louvre Corneille de Lyons Gemälde Portrait présumé de Clément Marot [~ Porträt, wahrscheinlich von Clément Marot]4, um sich erkenntlich zu zeigen.5 Der 1951 zum Leiter der Gemäldeabteilung avancierte Germain Bazin erwirbt6 ein 1943 dem Louvre per „Vorkaufsrecht“ zugesichertes, 1946 aber zurückerstattetes Werk, La Déploration du Christ [~ Beweinung Christi] von Petrus Christus.7

Der Konservator ist in der Gemäldeabteilung nämlich insbesondere damit beauftragt, „die auf dem Kunstmarkt oder in Privatsammlungen existierenden Gemälde ausfindig zu machen und dabei eine Auswahl zu treffen, um sie entweder anzukaufen oder (als Schenkung oder Nachlass) kostenlos zu erwerben.“8 Aus dieser Verantwortung heraus verfolgt Bazin sehr aufmerksam, was nach dem Krieg verkauft wird und wer sich in den entsprechenden Kreisen wie verhält. Besonders intensiv beschäftigt er sich mit der Frage nach den Fälschungen und ihrem Handel auf dem Kunstmarkt, was auch mit seinen Arbeiten im Forschungslabor der Staatlichen Museen in Frankreich zu tun hat. Im Mai 1952 warnt er zum Beispiel René Huyghe in einem Schreiben, weil die Ausstellung L’Art du Moyen Âge dans les collections marseillaises [Die Kunst des Mittelalters in den Sammlungen von Marseille], in deren Rahmen Letzterer einen Vortrag halten soll, „eine große Anzahl an Fälschungen“ präsentiert. Er schreibt außerdem:

„das […] ist nicht erstaunlich, Bresset9 – den Sie kennen – ist nämlich der leitende Ausstellungskurator. Angeblich soll sie aus allerlei – teils vorgefertigtem! – Material bestehen, das Bresset seit 15 Jahren an Kunden in Marseille verkauft. Bresset soll diese Ausstellung ausgerichtet haben, um seinen Handel wieder in Schwung zu bringen.“

Um seinen Befürchtungen Nachdruck zu verleihen, ruft Bazin seinem Kollegen die Vergangenheit des Antiquitätenhändlers in Erinnerung: „Vergessen Sie nicht, dass wir es bei Bresset mit einem Händler zu tun haben, der im Krieg die von Simon Trichard10 angefertigten Fälschungen abgesetzt hat.“

Die Wahrsagerin

1960 entbrennt in Frankreich eine Kontroverse, als die vom New Yorker Metropolitan Museum of Art angekaufte La Diseuse de bonne aventure [Die Wahrsagerin] von Georges de La Tour den Atlantik überquert.1 Als das Werk im Juni 1949 im Departement Sarthe gesichtet wird, wird René Huyghe als Vertreter des Louvre als erster davon benachrichtigt. Daraufhin soll das Werk mittels Absprachen und dank der Vermittlung von David David-Weill und Georges Salles in die Sammlungen des Museums aufgenommen werden.2 Das Geheimnis dieses wiederentdeckten Werks kommt ans Licht und Georges Wildenstein (1892-1963) überbietet das Angebot des Louvre, sodass er es neun Tage später gegen 10.000.000 F zugesprochen bekommt.3 Huyghe gelingt es jedoch, die Landesausfuhr zu verbieten, woraufhin das Werk acht Jahre lang unter Stillschweigen im Bestand der Galerie Wildenstein verschwindet.4 1960 verkauft es der Kunsthändler für einen Betrag zwischen 250.000.000 und 375.000.000 ehemalige F an das Metropolitan Museum weiter.5 In französischen Künstlerkreisen herrscht höchste Bestürzung. Da Huyghe 1950 den Louvre verlassen hatte, hat Bazin seine Nachfolge als Chefkonservator und Leiter der Gemäldeabteilung angetreten. Während sein Kollege das Meisterwerk umgehend erkennt und seine Empörung angesichts dieses „Überfalls“ auf die Kunst in der Presse bekanntmacht, hält sich Bazin den  Auseinandersetzungen eher fern.

Als 1960 der Louvre seine endgültige Ausfuhrgenehmigung erteilt, ohne den für diese Entscheidung verantwortlichen Beamten beim Namen zu nennen, löst diese Angelegenheit einen weiteren landesweiten Skandal aus. In Übersee freut sich Theodore Rousseau Jr. (1912-1973), der ehemalige Monuments, Fine Arts and Archives-Officerund nunmehrige Chefkonservator des MET, über den Erwerb „eines der wichtigsten Werke, das das Museum je erworben hat“.6 Am 16. Juli leitet der französische Kulturminister André Malraux eine behördliche Ermittlung ein, um aufzuklären, wie es zu der Ausfuhr des Werks kommen konnte. Der Groll des Ministers, der vor dem Parlament behauptet, zu keinem Zeitpunkt seine Zustimmung für den Export erteilt zu haben,7 richtet sich gegen Germain Bazin persönlich, und wie sich schließlich herausstellt, war die Ausfuhrgenehmigung tatsächlich von ihm ausgegangen.8 Dabei hatte letzterer  erklärt: „Ich bin nur Beamter. […] Es handelt sich um einen ministeriellen Beschluss, das ist alles, was ich dazu sagen kann.“9

Bei dieser Angelegenheit stehen Museen und Kunstmarkt, Konservatoren und Kunsthändler in direktem Konflikt. Wie ein zeitgenössischer Beobachter es ausdrückt, „wenn die Behörden ‚Die Wahrsagerin‘ haben entkommen lassen, so kann daran nur eine tiefgreifende Widersinnigkeit schuld sein, die beweist, dass diejenigen, die den Interessen der Allgemeinheit dienen und ein auf das eigene Interesse bedachtes, angesehenes Handelsunternehmen nicht auf derselben Stufe stehen.“10 Die Situation ist voller Ironie, weil diese Analyse vom Kunsthändler Alfred Daber stammt, der ansonsten für Tauschgeschäfte mit dem ERR in der Besatzungszeit bekannt war.11

Im Übrigen wirft dieses traumatische Ereignis für die Geschichte des Louvre erneut die Frage nach den Beziehungen zwischen Museumsangestellten und Kunstmarkt auf. Marie Tchernia-Blanchard stellt die Frage folgendermaßen:

„Wie kam es dazu, dass […] Wildenstein von den Verhandlungen zwischen den Erben des Generals de Gastines und dem Louvre erfahren hatte? Kann davon ausgegangen werden, wie Marcel Espiau es angedeutet hat, ‚dass der anfängliche Mangel an Verschwiegenheit, der es Herrn Wildenstein erlaubte, beim Kauf dieses einmaligen Werkes einzuschreiten und den Louvre zu überbieten, ohne dass die Verwaltung dieses Museums davon benachrichtigt wurde, nur einer Person ‚des Hauses‘ zuzuschreiben ist, die über die Vorgänge sehr gut informiert war?12 Anders gesagt, haben wir es hier mit Betrug oder Gefälligkeit zu tun?‘13 und muss man dafür einen ‚ausgemachten Dummkopf oder einen vorsätzlich Schuldigen verantwortlich machen, der die Aufsicht hatte und diese Entwurzelung14 ermöglichte‘?“15

Diese Fragen bleiben bis heute offen.16 Jedenfalls wird Germain Bazin 1965 von André Malraux aus dem Louvre hinausmanövriert.

Nach dem Louvre

Der Konservator wechselt also von der Gemäldeabteilung in die Gemälderestaurierungsabteilung der französischen Nationalmuseen über1 und bleibt  bis 1970 Frankreichs Abgeordneter auf Lebenszeit bei der ICCROM (Internationale Studienzentrale für die Erhaltung und Restaurierung von Kulturgut). Im Jahre 1978 wird dann das Institut de formation des restaurateurs d’œuvres d’art (IFROA, Institut für die Restaurierung von Kunstwerken) ins Leben gerufen, das er schon seit sehr langer Zeit herbeigesehnt hatte. Germain Bazin beendet seine Karriere im Musée Condé in Chantilly, wohin er im Jahre 1982 berufen wird.2

Neben seiner Museumskarriere hat Bazin eine Vielzahl unterschiedlicher Tätigkeiten inne. Nahezu dreißig Jahre lang unterrichtet er an der École du Louvre, wo er den Lehrstuhl für Museumskunde gründet. An der York University von Toronto (Kanada) wird er zum emeritierten Professor ernannt und hält zudem zahlreiche Vorträge in der ganzen Welt, insbesondere in den USA und in Südamerika, wo er sich regelmäßig aufhält. Die Universitäten von Rio de Janeiro und Villanova im US-amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania verleihen ihm den Titel Doctor honoris causa als Anerkennung für seine Arbeiten.

Als angesehener Kunsthistoriker veröffentlicht Germain Bazin unzählige Künstlermonografien, insbesondere über Memling (1939) und Fra Angelico (1941), sowie Standardwerke über die Frührenaissance in Frankreich3, den Impressionismus4 und die Kunstgeschichte im Laufe der Jahrhunderte5. Im Jahre 1973 verleiht ihm die Académie française den Grand Prix du Rayonnement Français [Preis für die Förderung des Ansehens Frankreichs]. Als er am 18. Juli 1975 als Institutsmitglied an die Académie des Beaux-Arts gewählt wird, bildet dies für ihn den Höhepunkt einer ganzen Reihe von Ehrenfunktionen, darunter jene als Mitglied der Kunstakademien in Portugal und in Rio de Janeiro, der Accademia delle Arti del Disegno in Florenz, der Accademia di Belle Arti in Bologna sowie der Académie Royale d’Archéologie und der Académie Royale des Arts, Lettres et Sciences in Belgien.

Seine vielen Auszeichnungen liefern den Beweis für die hohe Ehre, die ihm im Laufe seiner langen Karriere in künstlerischen Kreisen zuteilwurde. Nachdem Germain Bazin 1947 zum Officier de la Légion d’honneur [Offizier der Ehrenlegion] gewählt worden ist, erhält er im Jahre 1954, zur gleichen Zeit wie René Huyghe, den Titel des Grand Officier. Er wird nicht nur mit dem Verdienstkreuz des Leopoldsordens ausgezeichnet, sondern wird auch zum Kommandeur des Arts et des Lettres [Orden der Künste und Literatur], zum Kommandeur des Ordine della Repubblica Italiana und des Ordine al Merito della Repubblica Italiana [Verdienstorden der Italienischen Republik] und des Belgischen Kronenordens ernannt sowie zum Offizier des Königlichen Nordsternordens (Schweden), des portugiesischen Santiago-Ordens und des Nationalen Ordens Cruzeiro do Sul (Orden vom Kreuz des Südens) in Brasilien.

Germain Bazin stirbt am 2. Mai 1990 im Alter von 88 Jahren in Paris. Er ist in der Familiengruft im Pariser Friedhof Passy beigesetzt.