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01/12/2021 Répertoire des acteurs du marché de l'art en France sous l'Occupation, 1940-1945, RAMA (FR)

Der vor allem auf Porzellan spezialisierte Kunsthändler Alexandre Popoff tätigt im Jahre 1941 durch die Vermittlung von Karl Haberstock, Adolf Wüster, Friedrich Muthmann und Josef Mühlmann mehrere Verkäufe an deutsche Museen.

„Zum alten Sankt Petersburg“

Der 1885 im russischen Twer geborene Alexandre Popoff ist Kunsthändler. Nach seiner Offizierskarriere in Russland kommt er 1919 nach Frankreich, wo er im Jahr darauf ein Unternehmen gründet, „Zum alten Sankt Petersburg“. Per Erlass vom 9. November 1930 erhalten er sowie seine Frau Berthe Bykovsky, die er 1918 in Kiew geheiratet hatte, die französische Staatsbürgerschaft.1

Popoff ist auf Porzellan und russische Kunst spezialisiert, wenngleich er auch Kunstobjekte, Textilien, Gemälde und Zeichnungen zum Verkauf anbietet. Er führt sein Geschäft zusammen mit seiner Frau an zwei verschiedenen Pariser Adressen nacheinander, aber immer im 8. Arrondissement: das erste befindet sich 48 Rue Cambon, und zwar bis 1937 oder 1938, das zweite 86 Rue du Faubourg-Saint-Honoré, und das bis zu seinem Tod im Jahre 1964. Zwischen August 1940 und November 1944, oder sogar darüber hinaus, lässt sich Popoff nach Unstimmigkeiten mit seiner Frau alleine an der ebenfalls im 8. Arrondissement gelegenen Adresse 63 Rue de Ponthieu nieder.2

Im Jahre 1935 wird die Firma Alexandre Popoff & Cie als „premiers décorateurs au grand concours d’étalage“  [~ bester  Gestalter des großen Schaufensterwettbewerbs] der Stadt Paris mit dem „großen Ehrenpreis“ ausgezeichnet.3 Alexander Serebriakoff (1907-1994) fertigt 1945 Innenansichten von Alexandre Popoffs Wohnung an: dort erkennt man relativ kleine Räume mit antikem Mobiliar, etwas Keramikdekor, sowie Gouachen und Aquarelle an den Wänden.4 Das Ehepaar Popoff besitzt zudem ein Landhaus in Bougival.5

Popoff arbeitet gelegentlich als Porzellangutachter bei Auktionen: 1924 (Auktion 10. Mai, Paris, Hôtel Drouot); 1936 für Henri Baudoin (Auktion 25. November, Paris, Hôtel Drouot) oder auch 1938 für Jean-Joseph Terris (Auktion 9.-11. März, Nizza, Hall du Savoy). Zudem publiziert er zu seinem Spezialgebiet Porzellan. So ist er Herausgeber und zusammen mit Charles Eugène de Grollier Mitverfasser des Compagnon de l’amateur de porcelaine aus dem Jahr 1927 und auch das Kapitel über Porzellan in dem 1935 erschienenen Russian Art ist ihm zu verdanken.6 Im Jahre 1930 erklärt er ein Jahreseinkommen von etwa 50.000  F.7

Überdies ist er bereits ab 1928 aktives Mitglied der Société des Amis de la bibliothèque d’art et d’archéologie de l’université de Paris, [~ Förderverein der Bibliothek für Kunst und Archäologie der Pariser Universität], stellt gelegentlich Werke als Leihgaben für Ausstellungen zur Verfügung und moderiert Tagungen.8

Schließlich und endlich ist er auch ein sehr naher Freund des russischen Malers Alexandre Benois (1870-1960), sowie seiner Nichte Sinaida Serebrjakowa (1884-1967) und seines Enkelsohns Alexandre Serebriakoff (1907-1994), die ebenfalls Maler sind. Im Jahre 1946 veröffentlicht er das von Alexandre Benois et Alexandre Serebriakoff illustrierte Grigori Orlov, poème historique mit einer Auflage von 200 Exemplaren.9 Der Illustrator Sergei Wassil’jewitsch Tschechonin (1878-1936) zeichnet die Ausstellungsplakate seiner Galerie in den Jahren 1931, 1932 und 1933.

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre steht Popoff in Kontakt zum Louvre für Ankäufe oder Ankaufsvorhaben: im März 1936 verkauft er ein „porcelaine rose dite Du Barry, 1771“ [Rosenporzellan, sog. Du Barry 1777], das die Kunstgewerbe-Abteilung für 3.000 F erwirbt.10 Im Jahre 1938 steht er mit der Gemäldeabteilung in Verbindung, um dort ein Gemälde vorzustellen, sendet zwei Fotografien, ein Gemälde von Stefani (Srefani) und zwei französische Altarflügel.11

Einen Monat nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, am 2. Oktober 1939, übergibt Alexandre Popoff der Direktion der französischen Nationalmuseen vorläufig drei Kisten mit Kunstwerken, damit sie „unter die für die staatlichen Sammlungen vorgesehenen Schutzmaßnahmen fallen“, und 1940 zwei weitere Kisten: alle fünf Kisten werden im Musée de la Céramique in Sèvres eingelagert.12 Er holt sie zu zwei verschiedenen Zeitpunkten, im Juni und im Oktober 1946, wieder zurück.13

Die Verkäufe und Schenkungen im Jahre 1941

Am 28. März 1941 erwirbt Karl Haberstock bei ihm Philips Wouwermans La Halte [~ Pferd und abgestiegener Reiter] zum Preis von 4.000 RM.1 Am 21. März 1942 empfiehlt er Popoff einen gewissen Doktor Heise, der einen großen Teppich kaufen möchte.2 Werner Grote Hasenbalg soll bei Popoff angeblich Teppiche oder Wandteppiche gekauft haben;3  Adolf Weinmüller kauft bei ihm zwei Zeichnungen;4 Rolf Grosse drei Gemälde, einen Rahmen, eine Zeichnung, Möbel und Keramiken, die im Juni 1941 von Schenker von Paris aus nach Berlin transportiert werden.5 Die auf den Versandlisten des Hauses Schenker identifizierten und nach Kriegsende vergeblich von der Kommission für den Wiedererhalt von Kunstbesitz in Deutschland gesuchten Keramiken scheinen nicht direkt von Popoff zurückverlangt worden zu sein – er wird sie also ohne jeden Zwang verkauft haben.6

Popoff, der die deutsche Sprache in Schrift und wohl auch Wort beherrscht, hat außerdem mehrere Werke direkt oder indirekt an deutsche Museen veräußert.7 Im März 1941 verkauft er asiatische Keramiken sowie einige Meissner Porzellanfiguren an das Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld, zuerst direkt an den Museumsdirektor Friedrich Muthmann, später durch den Vermittler Adolf Wüster.8

Am 25. Juni 1941 überlässt Haberstock dem Museum in Linz für 8.500 RM ein Frauenporträt von Nicolas Maes, auf das ihn Popoff bereits im Dezember 1940 aufmerksam gemacht und ihm zum Preis von 25.000 F verkauft hatte.9 Am 28. Juli 1941 verkauft Popoff, diesmal durch Vermittlung von Josef Mühlmann, an das Museum in Linz zu einem Gesamtpreis von 9.500 RM zwei Dirk Bouts zugeschriebene Tafelgemälde, eine Kreuzabnahme und einen Christus vor Pilatus, die er mehr als zehn Jahre zuvor, nämlich im Jahre 1930, bei der Nachlassauktion der Sammlung Pelletier erworben hatte.10

1941 verkauft Popoff an die Kunstsammlungen der Stadt Düsseldorf sechs Zeichnungen für 2.800 RM, und zwar eine Zeichnung von Johan Wierix sowie fünf französische Zeichnungen aus dem 18. Jh., die er zwischen Mai und November 1937 bei der Nachlassauktion Deglatigny erworben hatte.11

Im selben Jahr verkauft Popoff an die Städtischen Kunstsammlungen in Nürnberg ein Ölgemälde auf Holz mit einem damals dem „Meister des Augustiner-Altars“ zugeschriebenen Heiligen Johannes zu einem Preis von 2.000 RM, eine Zeichnung von Wille sowie vier Stücke Meissner Porzellan.12

Gleichzeitig dazu, und zwar nach wie vor im Jahre 1941, macht Popoff dem Musée de la Céramique in Sèvres eine Schenkung, nämlich eine „sehr seltene, kleine, polychrom dekorierte Untertasse aus der Porzellanmanufaktur Chantilly. Leider ist dieses Stück in sehr schlechtem Zustand“, notiert der Museumskonservator Georges Haumont in einem Schreiben an die Französischen Nationalmuseen vom 7. Juli.13 Im September 1951 macht das Ehepaar Popoff erneut eine Schenkung an das Musée national de la Céramique in Sèvres: eine um 1785 datierte Schüssel aus russischem Porzellan aus der Kaiserlichen Porzellanmanufaktur Sankt Petersburg.14

Auch wenn Popoff bis dato nicht direkt in irgendwelche mit Enteignungen in Zusammenhang stehende Verkäufstätigkeiten verwickelt gewesen zu sein scheint, ist doch anzumerken, dass er die Provenienz der in seiner Galerie verkauften Werke nicht immer sehr genau genommen hat. So wurde er am 4. Februar 1941 zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von 500 F verurteilt, da er bei einem anderen Händler und einem Dieb Teile eines Altarretabels aus dem 12. Jh. gekauft hatte, die 1936 in Andorra-la-Vella gestohlen worden waren.15

Nach 1941 findet man keine Spur von in der Besatzungszeit von Popoff getätigten Verkäufen und Ankäufen mehr. Den zu seiner Person von den Renseignements généraux  [Nachrichtendienst der Polizei] im Jahre 1944 angestellten Ermittlungen zufolge soll Popoff sein Unternehmen 1941 aufgelöst haben, weil er sich weigerte, „an die Deutschen zu verkaufen“. Einige „einflussreiche Antiquitätenhändler“ sollen allerdings auch nach der Schließung mit Popoff in Kontakt gestanden haben.16

1943 beschreibt ihn Paul Sachs in seiner Korrespondenz als verlässlichen („reliable“) Händler unter den Pariser Kunsthändlern, und merkt an, dass sich der Grad seiner Vertrauenswürdigkeit möglicherweise seit 1940 verändert hat.17 Wir möchten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass das Gästebuch der Galerie und Popoffs Tagebuch, die sich in einer Privatsammlung befinden, eventuell Näheres über die Tätigkeit des Kunsthändlers zwischen 1941 und 1945 offenbaren könnten.18

Nach dem Krieg

Nach dem Krieg scheint Popoff weder bei der Commission de récupération artistique [Kommission für Wiedererhalt von Kunstbesitz] noch beim Office des biens et intérêts privés [OBIP, Amt für private Vermögenswerte und Ersatzansprüche] einen Antrag gestellt zu haben, und auch die Commission nationale interprofessionnelle d’épuration [Nationale berufsübergreifende Säuberungskommission] ermittelt nicht in seinem Fall, sodass er als Kunsthändler an der Pariser Adresse 86 Rue du Faubourg-Saint-Honoré weiterarbeitet. Der Bericht der Renseignements généraux aus dem Jahr 1944 kommt zu dem Schluss: „Wir gehen davon aus, dass er nicht mit dem Feind kollaboriert hat.“1

Nach seinem Tod am 1. Januar 1964 in Bougival wird seine Sammlung aufgelöst.2 Im Jahre 1965 kauft das Ikonen-Museum in Recklinghausen fünfzig russische Ikonen aus Popoffs Nachlass.3 Weiters wurde ein großer Teil der Sammlung von Alexandre und Berthe Popoff 2009 bei Christie’s in London versteigert.4